Tagebuch Willem Goldrausch

Reisetagebuch von Willem Goldrausch dem Barden, in jüngeren Jahren Hofgaukler zu AnnThuram

18. Tag der Zeit der Wächter

Als ich heute früh die Stadt Hügelblick in Richtung Süden verließ, bot ein Elf auf dem gleichen Weg an, mich zu begleiten. Da ich von Räubern in der Gegend gehört hatte, nahm ich sein Angebot dankend an.

Der Elf hörte auf den Namen Ylendriel. Schnell erkannte ich, dass er ein A‘Kandir war. Geschichten über die edlen A‘Kandir und ihren Kampf gegen die Grühlinge hatte ich schon in jedem noch so kleinen Dorf und jeder großen Stadt zwischen den höchsten Gipfeln und den Häfen gehört und selbst erzählt und davon gesungen.
Doch schon lange hegte ich den Wunsch, ein Lied über die A‘Kandir zu verfassen, an das man sich noch in zweihundert Spannen erinnern würde. Um dies tun zu können und den A‘Kandir gerecht zu werden, stellte ich ihm eine Reihe von Fragen, denn vieles, was die Menschen über die A´Kandir glauben, muss übertrieben oder frei erfunden sein. Wer so viele Geschichten gehört und erzähl hat wie ich, weiß, wie stark der Wahrheitsgehalt mit jeder Weitererzählung abnimmt.
Viele andere Barden werden mich darum beneiden, dass ich einige Zeit mit einem A‘Kandir reisen konnte. So erfuhr ich Dinge, von denen noch kein anderer Barde bisher gesungen hat.
Der Elf war zu Beginn unseres Weges nichts besonders redselig, allerdings trug er eine Flöte bei sich. Es gelang mir, ein Gespräch über Musik zu beginnen und nachdem ich ihm die Melodie eines beliebten Hochzeitsliedes aus AnnThuram beigebracht hatte, beantwortete er meine vielen Fragen mit höflicher Geduldigkeit.

Meine erste Frage war, was das Wort A‘Kandir bedeutet. Zweifelsohne, jeder kennt Geschichten von den Heldentaten der A‘Kandir und weiß, dass sie Grühlinge jagen. Dieser Name ist jedoch offensichtlich elfischen Ursprungs, was nicht überrascht, da die meisten A‘Kandir Elfen sind.

Der Elf sagte mir, dass sich das Wort aus den Teilen An, kan und dir zusammensetzt.

An steht für einen Elfen, der etwas tut. Es scheint sich allerdings mehr um ein Wort aus der Satzbaulehre zu handeln, als tatsächlich einen bestimmten Elfen zu meinen. Dies fand ich merkwürdig, da mancherorts schon menschliche A‘Kandir gesehen wurden, die sich genauso bezeichnen. Weit im Osten will man sogar schon A‘Kandir aus dem Volk der Goblins gesehen haben. Das mag aber auch eine Erfindung sein.

Die Bedeutung des Wortes Kan ist weit schwieriger zu erfassen. Gut, richtig oder gerecht scheinen zwar auf den ersten Blick den Sinn zu treffen, der Elf war aber der Meinung, dass keines davon als genaue Übersetzung in Frage komme, da kan vollkommen unabhängig vom eigenen Standpunkt und Empfinden ist. Eine genaue Übersetzung muss ich zunächst schuldig bleiben, werde mir aber später Gedanken darüber machen.

Für das Wort dir ist mir ebenfalls noch kein passendes Wort für ein Lied eingefallen. Der Elf wies mich darauf hin, dass dir nicht mit dhir oder dyr zu verwechseln ist. Ich schreibe diese Worte nur anders, um auf einen Unterschied hinzudeuten, den ich mit den Ohren nicht wahrnahm. Er sprach alle Worte mehrfach für mich, doch konnte ich keinen Unterschied des Lautes ausmachen. Darauffolgend sprach der Elf langsamer und lauter. Vermutlich hielt er mich für schwerhörig. Dhir, so erklärte er mir, beschreibt moosbewachsenes Unterholz, und dyr eine Art von Ledertunika. Ich bin sehr froh darüber, nie den Versuch unternommen zu haben, Elfisch zu lernen.
Dir hingegen beschreibt ein großes Ziel von hoher Wichtigkeit, dass jemand mit all seinem Tun verfolgt. Mir kam der Gedanke, es als Sinn des eigenen Lebens zu verstehen. Ylendriel erklärte mir, dass dir durchaus das ganze Leben betreffen kann, aber auch unmittelbarere und greifbarere Dinge, wie das Erlegen eines bestimmten Beutetieres, beschreiben kann.

Schon bald wurde mir klar, dass es mir nicht gelingen würde, eine treffende Übersetzung für A‘kandir in der Gemeinsprache zu finden, die gleichermaßen kurz genug für den Gebrauch ist und dem elfischen Sinn treffend berücksichtigt.
Eine Antwort, für jemanden, der mich nach der Übersetzung fragt, würde ich geben mit
Elf, der für das Richtige eintritt.
Nachdem ich dies nun erfahren hatte, lag mir schon die nächste Frage auf der Zunge, denn noch nie habe ich ein Lied oder eine Geschichte darüber gehört, wie jemand zu einem A‘Kandir geworden ist. Allein die Geschichte um die fünfzig Elfen, die in Grühwald eine Armee von Grühlingen besiegt haben und sich daraufhin als die ersten A‘Kandir bezeichnet haben, dürfte weithin bekannt sein.

Ich erfuhr, dass es überraschend einfach zu sein scheint, den ersten Schritt zum A‘Kandir zu tun. Ylendirel erklärte, dass alles, was es dazu braucht, ein A‘Kandir ist, der zustimmt, den Anwärter zu unterweisen. Die Bitte, dies zu tun, kann jedermann jederzeit stellen, ganz gleich ob in einer Taverne oder in einem Elfenhain.
Ist das erst einmal geschehen und der A‘Kandir willens, den Bittsteller auszubilden, bringt der A‘Kandir seinem Schüler alles bei, was er selbst weiß. Neben vielen Dingen des Kampfes gegen die Grühlinge sind das auch alle anderen Dinge, in denen er bewandert ist, zum Beispiel Geschichten aus der Heimat des A‘Kandir, Wissen über Kräuter, Sterne und Seewege, seinen Beruf und alles, was der A‘Kandir für wissenswert hält
. Das schien mir fragwürdig, denn welcher Schmied bringt seinem Lehrling schon Dinge bei, die nicht das Schmieden betreffen? Mein elfischer Begleiter lachte herzhaft bei der Vorstellung, dass einige A‘Kandir ihr Wissen nicht vollständig weitergaben. Ich habe das nicht in diesem Moment nicht verstanden, aber auch nicht in Frage gestellt.

Der angehende A‘Kandir wird als Sayun bezeichnet, der ausbildende A‘Kandir als
A´kandir Té. Während das Wort Sayun allerdings von jedermann gebraucht wird, nutzt nur dieser das Wort A‘kandir Té als Bezeichnung für seinen Lehrer. Der Sinn dieses Ungleichgewichts erschließt sich mir noch nicht.
Wenn die Zeit gekommen ist, dass entweder Lehrling oder Lehrer meint, dass die Ausbildung beendet ist, erfolgt eine Art von Abschlussprüfung. Oft findet sie in der Sturmzeit statt, in Anlehnung an die Schlacht der fünfzig ersten A‘Kandir, es muss aber nicht so sein. Ylendirel erzählte mir sehr ausführlich, wie die Prüfung von statten geht, sodass ich mich bemühe alles so genau wie möglich aufzuschreiben.

Der Lehrling verbringt einen Tag damit, mit dem Lehrer gemeinsam zwei Waffen auszusuchen, die aus unterschiedlichen Material bestehen müssen. Dies sind die Ran´an. Die Bezeichnung Waffe scheint dabei auslegungsfähig zu sein, die Anforderung des unterschiedlichen Materials hingegen nicht. Ylendirel berichtete mir von A‘Kandir, die ihre Prüfung mit einem Stein und einem spitzen Stock begonnen haben, ebenso wie von solchen, die einen Hornbogen und ein stählernes Schwert nutzten. Alle Metalle allerdings werden als ein einziges Material angesehen. Einen Dolch aus Eisen und einen Kupferschlägel zu führen, ist undenkbar.
Sind die Waffen gewählt, fängt beim ersten Sonnenuntergang die eigentliche Prüfung an. Bis zum Beginn des zweiten Sonnenuntergangs bleibt der Lehrer an einem Ort. Eine Siedlung wird er nicht verlassen, in der Wildnis wird er sich nicht weiter als einhundert Schritte von seinem Lager entfernen. Der Schüler kann währenddessen mit den Ran´an gehen, wohin es ihm beliebt.

Der Lehrer wird seinen Schüler verfolgen, wie einen Grühling verfolgen würde, und versuchen, ihn zu stellen.

Entscheidend ist nun, ob der Sayun seine Waffen beim dritten Sonnenuntergang noch bei sich trägt.

Gelingt es dem Lehrer, den Schüler zu stellen, während der noch beide Waffen bei sich trägt, kommt es zum Kampf. Die erste blutende Wunde entscheidet über Sieg oder Niederlage. Dabei achten beide darauf, keine größere Wunde als einen nötigen Kratzer zu verursachen. Ylendriel versicherte mir, dass er nie von bedrohlichen Verletzungen in einem solchen Kampf gehört hat. Wenn ich allerdings daran denke, wie ich einst einen erfahrenen A‘Kandir eine Tavernenschlägerei beenden sah, hege ich ernsthafte Zweifel daran.

Obsiegt der Lehrer oder trägt der Schüler die Waffen schon nicht mehr bei sich, wenn der Lehrer ihn findet, ist die Ausbildung fehlgeschlagen. Der Schüler kann jederzeit einen anderen A‘Kandir um einen neuen Ausbildungsversuch bitten. Ein A‘Kandir soll aber niemals denselben Schüler mehrmals auszubilden versuchen.

Trägt der Schüler die Waffen noch bei sich und gelingt es seinem Lehrer nicht, ihn zu besiegen, war die Ausbildung erfolgreich. Der neue, vollwertige A‘Kandir legt dann seinen Familiennamen ab, behält aber seinen Vornamen. Wenn die Umstände zukünftig einen Familiennamen erfordern, tritt A‘Kandir an die Stelle des alten Namens. Die Waffen der Prüfung spielen nach der Prüfung keine weitere Rolle mehr. Auch ist es nicht nötig, dass der Schüler seinem Meister jemals wieder begegnet. Der neue A‘Kandir wird von niemandem ernannt, niemand muss Zeuge der abgelegten Prüfung sein.

Doch eines war mir nicht klar. “Welches Interesse kann der Lehrer haben, dass seine Schüler Sayun nicht zu einem A‘Kandir wird?”, fragte ich. Der Elf sah mich verständnislos an, als hätte ich gefragt, ob die zwei Monde vom Himmel stürzen könnten. “Es ist ein Wettkampf.”, erklärte er knapp. “Und was passiert, wenn jemand behauptet, er habe die Prüfung bestanden, er aber lügt?”, fragte ich weiter. Noch während ich dies schreibe, verstehe ich nicht, welchen Wert eine Prüfung hat, deren Ergebnis niemand bezeugen kann.
“Dann ist er ein Hochstapler.”, entgegnete Ylendriel.
Bei genauerem Nachdenken kam mir in den Sinn, dass es nicht viel anders wäre, als würde ein Kaufmann in AnnThuram sich ein Schwert umschnallen und behaupten, er wäre Ordensritter der Paladine, ohne einer zu sein.

Bis zur Weggabelung, an der sich unsere Wege trennen würden, war es nicht mehr weit. Die verbleibende Zeit nutzte ich um mich zu nach dem Verhältnis zwischen A‘Kandir und Ant‘A´kandir zu erkundigen. Ylendriels Abschiedsworte sind mit gut im Gedächtnis geblieben:

“Es sind verblendete Narren, aber sie werden Menschen wie Euch nicht gefährlich. Und solange sie nicht zwischen einem Grühling und einem A‘Kandir stehen, hege ich keinen Groll gegen sie. Aber eines sollte ihr stets bedenken: Alle A‘Kandir haben die gleichen Ziele. Wir sind aber keine Gesellschaft. Wir sind kein Orden, wie eure Paladine, deshalb gibt es auch keine Ränge. Kein A´Kandir ist einem anderen übergeordnet, wenn es nicht aufgrund seiner Fähigkeiten ist. Wir haben keine heiligen Schriften oder andere Dinge, die uns unser Tun vorschreiben. Jeder A´Kandir tut, was er für richtig hält. Manch einer mag Ant‘A´kandir mit dem gleichen Zorn verfolgen, wie Grühlinge, ein anderer geht ihnen aus dem Weg. Ein A‘Kandir wird den Besitzer eines erschlagenen Grühlings einen Ausgleich zahlen, ein anderer wird ihn eindringlich schelten, sich einen Grühlingen gehalten zu haben.”

Auf den letzten Schritten bis zur Weggabelung wies mich der A‘Kandir noch auf etwas hin, was für seinen Humor spricht, der mir bisher kaum aufgefallen war. Eine etwas andere Betonung von Ant‘A´kandir, die ich wiederrum mit den Ohren nicht wahrnehmen konnte, führt dazu, dass aus dem Gegen-A´Kandir ein Waschbär, der das Haustier eines Elfen ist, wird.

Während ich nun schmunzelnd der Hauptstraße nach Süden folgte, verabschiedete sich der Elf mit einem Winken und zog seines Weges nach Westen.

Tagebuch Willem Goldrausch

Tempest CottonCthulhu